Gewerkschaftliche Bildungsarbeit - IG METALL - Leseprobe

17 16 Irene Schulz | Die Bildungsarbeit der IG Metall Verkürzung der Arbeitszeit durchzusetzen, brauchte es die Mobili- sierung von 1,5 Millionen Beschäftigten aus den Betrieben der Me- tall- und Elektroindustrie sowie der konsequenten Durchführung von 24-Stunden Warnstreiks in allen Tarifbezirken der IG Metall. Eine kraftvolle Demonstration von Millionen Gestaltungswilligen, die sich bewusst entschieden haben, sich zu beteiligen und für eine gemein- same Zielsetzung zu streiten. Vorausgegangenwar ein demokratischer Beteiligungsprozess, der von einer breiten Beschäftigtenbefragung bis hin zur Entscheidungsfindung durch gewählte Verhandlungs- und Tarifkommissionen reichte. Diese Beteiligung hat im Ergebnis dazu geführt, dass der Einstieg in eine neue Arbeitszeitkultur gelungen ist – eine Arbeitszeitkultur, die auf mehr offensive Selbstbestimmung der Beschäftigten setzt und die der Tarifvertrag als kollektives Rahmen- werk absichert. Demokratische und wirkungsvolle Praxis- und Gestaltungser- fahrung Einzelner und das demokratische Erfahrungswissen von Or- ganisationen – in diesem Fall der IGMetall – sind die Voraussetzungen für eine funktionierende politische Demokratie und damit für den ge- sellschaftlichen Fortschritt. Das bestätigt auch eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) und des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB): Wo Arbeitnehmer in Unternehmen hand- feste Mitspracherechte haben, ist meist auch die politische Demokra- tie stärker (vgl. Vitols 2018). Das dürfte daran liegen, so die Studie, dass GewerkschafterIn- nen und Arbeitnehmervertreter politisch über die betriebliche Ebene hinauswirken und so die Zivilgesellschaft stärken. Gleichzeitig sorge die Mitbestimmung in der Wirtschaft auch bei politischen Wahlen für eine stärkere Beteiligung der Beschäftigten. Außerdem wirke sich die aus der Mitbestimmung resultierende größere soziale Verantwortung der Unternehmen auf die Politik aus. Der WZB-Forscher hat zwei Kennzahlen zueinander in Bezie- hung gesetzt: den European Participation Index als universelles Maß für den Umfang der Arbeitnehmerbeteiligung in der Wirtschaft und das WZB-Demokratiebarometer, das Aufschluss über die Qualität der Demokratie gibt. Dabei zeigt sich, dass beide deutlich miteinander korrelieren. In Ländern mit starker Arbeitnehmerbeteiligung erreicht meist auch der Demokratie-Index hohe Werte. In beiden Feldern Demokratische und wirkungsvolle Praxis- und Gestaltungser- fahrung Einzelner und das demokratische Erfahrungswissen von Organisationen – in diesem Fall der IG Metall – sind die Voraussetzungen für eine funktionierende politische Demokratie und damit für den gesellschaftlichen Fortschritt. Industrie imWandel – Bildungsarbeit in Bewegung nungsbildung sich radikal verändern. Videos, Influencer, Blogger und Social Media schaffen schnellere Zugänge und Beteiligung an Debat- ten und Meinungsaustausch. Die etwas paradoxe Schattenseite: Die Vielfalt der Möglichkeiten befördert geschlossene Zugehörigkeits- Systeme: »Das Problem, mit dem uns das Internet im Politischen kon- frontiert, ist seine radikale Entkopplung von Emotion und physischer Präsenz. Elektronische Netze machen Distanz möglich, aber diese Di- stanz kann auch entzivilisieren, wie der Trend zum Shitstorm beweist. Wer demGegenüber nicht ins Gesicht sehenmuss, kann seine Aggres- sionen ohne Rückkopplung durchsetzen(vgl. Horx 2018).« In unserer Welt der sekundenschnellen, individualisierten Wissensbeschaffung und digitaler Zerstreuung über Smartphones, Wikipedia und Siri braucht es Räume für Begegnungen und Nähe, für Diskurse, für Verortung, für die Überwindung der Unübersichtlichkeit, für Visionen und Gestaltungsoptionen, für die Entwicklung von Ge- meinsinn. Urteils-, Analyse- und Handlungskompetenz sind demokra- tisches Handwerkszeug, das unabhängig von Alter und Bildungsstand möglichst allen Bürgerinnen und Bürgern zugänglich sein sollte. Demokratie und ihre Wehrhaftigkeit funktionieren nicht als abstraktes Gebilde, auf die wir uns – ohne etwas zu tun – verlassen könnten. Demokratie hat historische Anfänge und brutale, menschen- verachtende Enden erlebt. Entscheidend ist: Demokratie lebt von De- mokratinnen und Demokraten. Demokratie lebt von Gestaltungswil- len und Gestaltungswilligen. Eine starke, engagierte Zivilgesellschaft ist der Seismograph für ihre Verfasstheit. Wir Gewerkschaften sind Teil dieser Zivilgesellschaft. Wir sind gesellschaftlicher Akteur mit einem zentralen Handlungsfeld, dem Betrieb. Wir haben wegweisende Errungenschaften für verbesserte Arbeits- und Lebensbedingungen durch konfliktäre Tarifauseinan- dersetzungen durchgesetzt, die erst danach Gesetzgebung wurden. Es bedarf nicht nur des Rückblicks auf historische Meilensteine wie die erstreikte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall 1956/57. Die aktuellen gewerkschaftlichen Tarifauseinandersetzungen umdie Arbeitszeit be- stätigen die Wirkungskraft erreichter Tariferfolge für gesellschaftliche Weiterentwicklungen. Um die verkürzte Vollzeit mit dem Recht auf selbstbestimmte Urteils-, Analyse- und Handlungskompetenz sind demokratisches Handwerkszeug, das unabhängig von Alter und Bildungsstand möglichst allen Bür- gerinnen und Bürgern zugänglich sein sollte.

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